Es herrscht Krieg in Deutschland: Maria Schieder wurde am 15. Juni 1936 in Burgtreswitz geboren. Trotz des Krieges hatte sie eine eher unbeschwerte Kindheit, bis ihre Mutter kurz vor ihrer Erstkommunion erkrankte. Maria bekam damals die Verantwortung den Hof ihrer Eltern mit Kuh- und Schweinestall.

Maria, woher kommst du? Schon mein Leben lang wohne ich hier in Burgtreswitz. Ich wohne sogar noch in meinem Geburtshaus. Damals sind wir meistens da geblieben, wo wir aufgewachsen sind. Und da wir zuhause eine kleine Landwirtschaft hatten und ich das einzige Kind war, wurde schnell klar, dass ich hier bleiben würde, um das Geschäft meiner Eltern zu übernehmen.

Hat dich diese Verpflichtung bedrückt? Nein, nicht wirklich. Mir hat die Arbeit auf unserem Hof schon immer gefallen und ich bin gerne mit meinem Vater aufs Feld gefahren und habe dort mitgeholfen. Durch die Krankheit meiner Mutter wurde es dann etwas anstrengender. Während des Krieges mussten wir schauen, dass wir mit unserem kleinen Hof gut über die Runden kommen. Mein Vater hat aber immer darauf geachtet, dass ich trotzdem genügend Zeit zum Herumkaspern hatte.

Du bist während der Zeit des Krieges aufgewachsen. Wie hast du die Zeit erlebt? Der Krieg war eine schlimme Zeit. Trotzdem haben wir Kinder auf dem Dorf nicht viel davon mitbekommen. Ich habe es geliebt, mit den anderen zusammen in die Schule zu gehen – außer im Winter. Zwei Kilometer mussten wir damals laufen, das könnte man sich heute nicht mehr vorstellen. Wenn es besonders kalt war, hat mir meine Mutter ein Glas mit frisch gemolkener Milch mitgegeben. Meine Freundin Anne war immer ganz neidisch. Natürlich habe ich die Milch mit ihr geteilt. «Vor allem das Teilen ist wichtig.», hat meine Mutter immer gesagt. «Man muss sich gegenseitig helfen, damit wir das alle überstehen. Wenn man anderen hilft, dann helfen die auch dir, Maria».

Also hattest du trotz des Kriegs, eine unbesorgte Kindheit? Anfangs ja, doch irgendwann wurden immer mehr Burschen aus dem Dorf eingezogen. Außerdem mussten wir immer aufpassen, ob Flieger kamen – dann mussten wir uns schnell im Graben verstecken. Wir durften auch nicht mehr so lange draußen spielen. Die SS hatte bei uns im Schloss einen Stützpunkt bekommen und von da an waren viele Soldaten im Dorf. Einmal kamen sie auch auf unseren Hof. Sie wollten wissen, warum mein Vater nicht im Krieg war. Wegen der Krankheit meiner Mutter musste er immer mehr Arbeiten auf dem Hof übernehmen. Ich war damals noch nicht alt genug, um mich alleine um unseren Stall zu kümmern – darum wurde mein Vater auch nicht eingezogen.

Hast du dann auf dem Hof ausgeholfen? Ja, meine Mutter hat mir schon früh gezeigt, wie man die Arbeit auf dem Hof verrichtet – kochen, backen und Butter machen. Obwohl ich noch sehr jung war, hat meine Mutter immer darauf bestanden. Die Butter haben wir auch für Leute im Dorf gemacht, das hat mich manchmal richtig genervt. «Wenn ich nicht mehr bin, musst du das machen, Maria!», hat meine Mutter immer gesagt.

Warum war deine Mutter die Butter so wichtig? Wir haben die Butter immer selbst gemacht. Unsere Butter war im Dorf so beliebt, dass wir dafür auch Sachen eintauschen konnten. Vom Bäcker haben wir zum Beispiel Brot dafür bekommen und vom Wirt manchmal Wurst.

Die Butter war für euch also ein Zahlungsmittel? Tauschmittel wohl eher, Geld war nichts mehr Wert. Da konnte man nur noch mit solchen Dingen bezahlen. Für die Mutter von Anne hat sie besonders viel Butter gemacht, denn die konnte schneidern. Meine Mutter hat mit der Butter den ganzen Stoff von meinem Kommuniongewand bezahlt. Manchmal hat sie der Resl auch das Brot vom Bäcker gegeben, obwohl ich das lieber selber gegessen hätte. «Was soll der Herrgott denken, wenn du zu deiner Erstkommunion nichts Gescheites zum Anziehen hast? Bestrafen wird er dich!», das hat mir damals dann Angst gemacht. Den Herrgott soll man ja nicht verärgern, doch als kleines Kind war mir ein voller Magen lieber.

Hast du denn gewusst, woran deine Mutter erkrankt ist? Krebs hatte sie auf der Lunge, nachts hat sie schlimm gehustet. Der Arzt hat oft versucht, ihr Leiden zu lindern.

Wie alt warst du, als deine Mutter erkrankt war? Das war 1944, ich war erst in der dritten Klasse. In dem Jahr hatte ich auch meine Kommunion. Meinem Vater war es wichtig, dass ich trotzdem in die Schule ging. Danach musste ich allerdings gleich mit auf dem Hof helfen oder wollte bei meiner Mutter bleiben. Obwohl sie krank war, haben wir zusammen Butter gemacht – oft hat sie mir aber auch nur dabei zugesehen.

Konntet ihr euch denn dann noch dein Kommunionsgewand leisten? Ja, das haben wir bekommen, doch die Schuhe haben gefehlt. Es war ein schönes Kleid. Sogar eine Kerze hat die Resl für uns besorgt, wobei das schon gefährlich war. Die Butter allein hat nicht mehr gereicht, um die Sachen für das Kleid zu zahlen. Der Arzt meiner Mutter wollte schließlich auch immer etwas. Da hat mein Vater mit unserem Nachbarn, dem Zwinker, eine Sau aus unserem Stall geschlachtet. Das durfte keiner wissen – 200 Meter weiter waren die SS stationiert. Die durften das nicht mitbekommen, sonst hätten sie jemanden weggesperrt. Soetwas hätte man melden müssen. Damit keiner das Quieken der Sau mitbekommt, sind der Zwinker und mein Vater extra in den Kartoffelkeller gegangen. Obwohl es unsere Tiere waren, durften wir sie nicht so schlachten, wie wir wollten – vor allem nicht, wenn man ein Tier nur schlachtet, um sein Kleid zu bezahlen.

Was war mit den Schuhen? Mein Vater war schon ganz verzweifelt, weil wir eine Woche vor meiner Kommunion noch keine Schuhe hatten. Meine Mutter hatte ihn oft geschimpft: «Was soll der Herrgott denken, wenn die Maria zu ihrem Gewand keine gescheiten Schuhe hat?» Im nächsten Ort in Moosbach hatte der Schuhmacher noch ein paar schöne weiße Schuhe mit kleinen Stöckeln. Allein mit Butter wollte er sich aber nicht bezahlen lassen. Er hatte gehört, dass mein Vater und der Zwinker eine Sau geschlachtet haben. Für eine Sauhaxe zu der Butter bekam mein Vater dann die Schuhe.

Hatte dein Vater keine Angst erwischt zu werden? Doch, er hatte große Angst. Von vier Sauen haben wir schon eine geschlachtet. Als das die SS mitbekommen hat, sagte mein Vater, die sei einfach tot umgefallen. Für meine Schuhe musste mein Vater aber noch eine Sau im Kartoffelkeller schlachten. Aber dieses Mal hatte es einer von der SS mitbekommen und stand auf einmal in dem Keller. Mein Vater hatte schon Angst, dass er und der Zwinker erschossen werden. Doch der Soldat sagte, dass er nichts verraten würde, wenn er die halbe Sau bekommt. Mein Vater hat gesagt, dass man da lieber nicht mehr diskutieren sollte und hat ihm die halbe Sau gegeben. Er ist extra mit seinem Traktor und Holz nach Moosbach gefahren und hat die Haxe unter dem Holz versteckt. Der Schuhmacher hatte die Butter und die Haxe – und ich hatte meine Schuhe.

Also haben sich die Mühen gelohnt? Da ja rückblickend alles gut gelaufen ist, ja. Meine Mutter hat sich sehr auf den Tag meiner Erstkommunion gefreut, schließlich war das für mich als Katholik einer der wichtigsten Tage. Für mich selbst war der Tag aber nur so wichtig, weil sich meine Mutter so über mein Gewand gefreut hat. Drei Tage nach der Kommunion ist meine Mutter gestorben. Mir war fast so, als ob sie nur noch so lange leben wollte, damit sie sehen konnte, wie ich in meinem Gewand vor den Herrgott trete. Zum Essen gab es an dem Tag frisches Brot mit Butter und Kartoffelsuppe.

Und die Butter? Die Butter haben wir noch lange selber gemacht. Aber heutzutage macht man sowas ja nicht mehr.