Football – in den USA die populärste Sportart, in Deutschland maximal Randsportart. Bei vielen gilt der Sport als zu brutal, stumpfsinnig oder gefährlich. Schließlich geht’s ja nur darum, den Gegner umzuwerfen, richtig? «Absolut nicht!», betonen Matthias und seine Mannschaftskameraden der Weiden Vikings.

19:30 Uhr in der Turnhalle der Grundschule Weiden: Jungs flitzen zwischen den Toren auf und ab und absolvieren die letzten 15 Minuten ihres Fußballtrainings. Die Tribüne ein Stockwerk höher füllt sich nach und nach mit Männern, alle zwischen 20 und 30 Jahre alt. Jeder von ihnen mit Sporttasche, Schulterpolster oder Helm im Gepäck. Es handelt sich um die Spieler der Weiden Vikings – der American Football Mannschaft in Weiden. Knapp 35 von ihnen sind zum Hallentraining gekommen. Im November bei Temperaturen am Gefrierpunkt und steinhartem Rasen bleibt auch den härtesten Kerlen nichts anderes übrig. Einer von ihnen ist Matthias, 26 Jahre alt und seit acht Monaten Teil der Vikings. Knappe 1,80 hoch, durchschnittlich gebaut, sehr aufgeschlossen und freundlich.

Fußball ist hier unangefochten die Nummer Eins der Mannschaftssportarten. Abseits von ein paar blauen Flecken an den Schienbeinen haben Spieler und Eltern ja nichts zu befürchten – anders als beim Football. Augenscheinlich besteht der Sport für die meisten Außenstehenden nur aus Fleischbergen, dick verpackt in Schutzhelm und Polstern, die im Minutentakt aufeinander losgehen. Der Ball scheinbar nur ein Vorwand, um am Feld die Sau rauszulassen. In Umfragen landet Football nicht mal unter den Top 20, wenn es um Popularität von Sportarten in Deutschland geht. Zum Teil wohl auch, da sich vielen die strategische Tiefe und der Mannschaftsgeist des Spiels nicht erschließt.

Eine laute Trillerpfeife ertönt. Die Fußballer haben das Feld geräumt. Coach Jansman pfeift seine Truppe zusammen. Ein großer Kreis bildet sich um ihn herum. Es folgt eine lockere Ansprache: Fotos für die Homepage, neue Trainingszeiten – die üblichen organisatorischen Dinge. Dann wieder ein lauter Pfiff: «Lines, let‘s go», schreit der 48-jährige. Zügig werden vier Schlangen an einem Ende der Halle gebildet. Aufwärmen steht an. Nacheinander werden die Klassiker abgearbeitet: Sprints vor und zurück, Hampelmänner und Ausfallschritt. Das Besondere: die Lautstärke und die Energie im Raum. «Die letzte Reihe muss so laut schreien wie die erste, rookie or veteran, I want to hear everyone», so die Ansage des Trainers. In den USA geboren, kommt Jansman 1991 nach Deutschland. Den Akzent merkt man ihm deutlich an und viele «Calls» bleiben gleich in Englisch. Die Spieler rücken nacheinander nach vorne auf, rufen ein lautes «Huh» und auf Signal des Trainers wird gestartet.

«Der erste Eindruck täuscht», meint Matthias, «der Vollkontakt ist nur Mittel zum Zweck. Vielmehr geht es um die Strategie und Spielzüge dahinter». Geweckt wurde sein Interesse am Football durch ein paar Freunde, die im Sommer ab und zu mal ein paar Bälle werfen wollten. Seitdem hat sich Football zu viel mehr entwickelt: «Es ist ein Lebensgefühl». Für den Football hat er sich wieder im Fitnesscenter angemeldet, achtet mehr auf seine Ernährung. Spiele aus der amerikanischen Profiliga NFL sieht er sich an, so oft es geht und hofft dabei auf möglichst viele Punkte für seine Fantasy-Football-Mannschaft. Der Football bietet ihm also viel mehr als Training zwei Mal die Woche.

Einige von den Spielern trainieren an diesem Tag zum ersten oder zweiten Mal. In den hinteren Reihen sieht man immer wieder Veterans, die den Neuen die Handbewegungen und Übungen der Calls erklären. Auch während der Übungen feuern die Reihen ihre Mannschaftskameraden an, alle klatschen sich ab, die Stimmung ist ansteckend.

«Einer für alle», diese Phrase erwähnen Matthias, Jansman und Alex. Alex war in dieser Trainingseinheit als Hilfscoach dabei, freiwillig wohl gemerkt. Zwölf seiner 30 Lebensjahre hat er im Football verbracht, über Amateurliga bis zur GFL, der deutschen Profiliga des Footballs. Im Gegensatz zu Matthias, der hauptsächlich als Tight End spielt, also Passrouten läuft oder mitblockt, gehört Alex zu den Linebackern. Das sind die dicken und kräftigen Jungs, die jeden Spielzug ineinander prallen. «Absolut nicht, alles dreht sich um die Technik», antwortet er auf die Frage nach der Verletzungsgefahr. In seinen zwölf Jahren verletzte er sich nur in absoluten Ausnahmefällen, meistens aus Übermut und Unerfahrenheit neuer Spieler. Auch Jansman hat bis zu seinem 40. Lebensjahr selbst aktiv Football gespielt und das ohne eine gravierende Verletzung. Seine Hauptmotivation als Trainer: «Eine Familie aufbauen». Und die Gesundheit der Familie steht belehrend an erster Stelle.

Nach dem Aufwärmen teilen sich die Männer ihren Positionen entsprechend in Gruppen auf. Alex übt Blocken mit den Linebackern, Matthias läuft mit Recievern und Quarterback Passrouten und Jansman drillt die Defense-Spieler. Die müssen jeweils alleine an zwei blockenden Mitspielern vorbeikommen und einen zehn Meter entfernten Schaumstoffzylinder berühren. Immer direkt daneben: Coach Jansman, der unaufhörlich anfeuert und motiviert. Das Lob «good work» fällt an diesem Abend bestimmt weit über 100 mal. «Anders geht es nicht», versichert Jansman, «der Coach muss immer 100 Prozent geben, genau wie sein Team». Und das tut es auch. Das ganze Training über tanzt keiner aus der Reihe. Wenn der Coach redet, redet sonst keiner. In den Trinkpausen wird kein einziges Smartphone gezückt. Keiner jammert oder beschwert sich über die Trainingsmethode.

«Das findet man sonst nirgends», versichert mir Alex. «Das Teamgefühl war immer einzigartig». Noch immer hält er Kontakt zu alten Mitspielern und Trainern. Auch mit ehemaligen Gegnern. Nie ging es darum, den anderen einfach fertigzumachen oder umzuschubsen. «Man ist sich immer mit Respekt begegnet, einfach kameradschaftlich», betont er. Im Gegensatz zum Fußball hat er nie Dorf-Derbys oder rivalisierende Fans miterlebt. Der Fokus liegt auf dem Sport und Bayern sieht er als große «Football-Familie». Matthias stimmt ihm zu. Er sieht im körperlichen Teil des Spiels einen tieferen Sinn: «Der Quarterback muss sich auf seine Linebacker verlassen können, sonst tut‘s weh». Deshalb ist der starke Zusammenhalt am Feld und im Training extrem wichtig. Wer nicht zu 100 Prozent dabei ist, gefährdet seinen Mitspieler. Im Football ist kein Platz für Egos.

Nach knappen eineinhalb Stunden leuchten die Gesichter knallrot, die Männer atmen schwer. Jetzt stehen nur noch die sogenannten 4th-Quarter-Drills an. Wie im echten Spiel wird in den letzten 15 Minuten noch einmal alles von den Spielern gefordert. Statt einfachen Sprints wird jetzt im Huckepack gelaufen. Coach Jansman schreit noch immer mindestens so laut wie am Anfang des Trainings. In den Spielerreihen wird gestampft, gerufen und angefeuert. In jedem Durchgang wählt jede Reihe einen Spieler aus, der aussetzen darf. Ohne Ausnahme fällt die Wahl immer auf den Größten und Schwersten.
Im ganzen Training spielte sich keine Szene ab, die den Sport als stumpf oder brutal rechtfertigen könnte. Vielmehr verbirgt sich hinter der Fassade des Vollkontakts eine Möglichkeit, wichtige Werte wie Disziplin und Teamfähigkeit zu vermitteln. Wer ein unvergleichliches Gruppengefühl sucht und sich körperlich fordern will, ist beim American Football genau richtig.

Dann ist es geschafft. Ein letzter Pfiff von Jansman beendet das Training. Während die Mannschaft unaufgefordert Hütchen und Bälle einsammelt, lässt es sich der Trainer nicht nehmen, jeden Spieler mit einem Händeschütteln und einem «good job» zu verabschieden. Die Vikings werden wohl noch ein paar Monate lang beim Hallenfußball zusehen müssen, bevor aus der Hallenschlacht wieder eine Rasenschlacht wird.