Es ist drei Uhr morgens. Mein Handy klingelt laut. Genau wie damals.


Sofort bin ich hellwach und greife hektisch zu meinem Handy auf dem Nachttisch neben mir. Nur ein Irrläufer, irgendein Typ, der die falsche Nummer gewählt hat. Seufzend drehe ich mich um und kuschle mich tiefer in meine Bettdecke. Leise knarzt mein Bett. Über meine Wange rollt langsam eine Träne.

Es war irre heiß in dieser Sommernacht. Mein Freund und ich wohnten in einer kleinen Wohnung mitten im Zentrum. Über den Dächern der Stadt ging langsam die Sonne auf. Zum ersten Mal durchschnitt ein schrilles Geräusch die Stille, als das Telefon laut klingelte. Ich ignorierte es. Wer konnte das schon sein? Es war Donnerstag, vier oder fünf Uhr morgens. Bestimmt nur falsch verbunden. Fast war ich schon wieder eingeschlafen, da klingelte es weiter. Immer wieder und wieder wählte jemand hartnäckig unsere Nummer. Genervt sprang ich aus dem Bett. «Paula», es war mein Vater – leise. «Mama ist auf dem Weg ins Krankenhaus.» Stille. «Sie hatte einen Herzstillstand. Die Sanitäter haben sie zurückgeholt.» Er atmete schwer. «Deine Schwester und ich fahren jetzt dem Krankenwagen hinterher.» »Ich weiß nicht, ob ich es auch schaffe. Ich habe früh morgens einen Arzttermin. Haltet mich auf dem Laufenden», antwortete ich knapp und schlüpfte zurück ins warme Bett.

Es fühlte sich an wie ein kräftiger Schlag in meine Magengrube, als es mir bewusst wurde. Mir wurde sofort übel. Ich rüttelte meinen Freund wach. Blitzschnell stand er auf und zog sich an. Ich berührte mein Gesicht und bemerkte die Tränen auf meinen erhitzten Wangen. Natürlich wollten wir direkt ins Krankenhaus. Doch ich blieb im dunklen Zimmer liegen. Mein Freund zog mich hoch. Rosa Shorts und ein weißes T-Shirt kleideten mich schließlich, als könnte ich damit etwas bewirken und alles in die richtige Richtung lenken.

Wie in Trance eilten wir aus der Wohnung. Langsam ließ ich mich auf den Beifahrersitz gleiten. Auf dem schnellsten Weg lenkte mein Freund das Auto durch den Berufsverkehr aus der Stadt. Die anderen Menschen schienen noch rücksichtsloser als sonst. Auf der Autobahn bremste uns ein überholender Lastwagen nach dem anderen aus. Ohne aufzupassen zogen sie auf die linke Fahrbahn. Mein Freund fluchte. Nervös spielte ich an meiner Shorts herum und sah in den Himmel. Blau strahlend ragte er über uns während die Sonne aufging: leuchtete, als sollte es ein schöner Sommertag werden. Die Fahrt fühlte sich ewig an.

Vorbei an dem rießigen Komplex des Krankenhauses fuhren wir auf den großflächigen Parkplatz: Auto aus, Türen auf, loshetzen. «Moment bitte», gelassen blätterte die Empfangsdame durch ihre Unterlagen und schnaufte, während sie sich mit den Fingern durch die dunkle Lockenmähne fuhr. «Bitte einmal die Treppe da hinten hoch, den Gang entlang und dann links.» Hätte man mir gesagt, ich wäre Teil eines Films, ich hätte es geglaubt. Es fühlte sich genauso an. Mein Freund drückte fest meine Hand solange wir den langen Flur entlangliefen. Der scharfe Geruch von Desinfektionsmittel zog mir in die Nase. In meiner Brust klopfte mein Herz wie wild, als wollte es sich überschlagen. Ärzte und Krankenschwestern liefen an uns vorbei. Sie tuschelten miteinander und blickten mich vielsagend an.

Es ist fünf Uhr Morgens. Meine Gedanken spielen verrückt. Was geschieht jetzt.

Nachdem wir links abgebogen waren sah ich sie endlich: Mein Vater und meine Schwester saßen auf zwei gepolsterten Stühlen in einem kahlen Flur. Auf jeder Seite waren drei weitere Türen. Vielleicht ist sie ja gerade hinter einer von ihnen? Ein Stich in meiner Brust zwang mich kurz auszuharren als ich meinen Vater betrachtete. Es war ein völlig neues Bild für mich. Wir schlossen uns in die Arme. Schluchzen. Meine Schwester erzählte mir, sie warteten bereits eine ganze Stunde. Zeitgleich kämpften Ärzte um das Leben meiner Mutter. Wir nahmen neben den beiden Platz. Stille. In meinem Kopf rannten meine Gedanken ziellos im Kreis herum, als plötzlich eine der Türen geräuschvoll aufschwang. Wir zuckten zusammen und sahen auf. Eine Krankenschwester schob einen Wagen mit frischer Bettwäsche vor sich und lief in die andere Richtung. «Sie muss das schaffen. Das gibt’s doch nicht», durchbrach mein Papa das Schweigen und ballte die Fäuste. Nervös stand ich auf und ging den Flur auf und ab – bereit jederzeit umzukehren.

Nach einer Weile öffnete sich wieder eine der Türen. Diesmal schritt die Ärztin zielstrebig auf uns zu. Sie war groß und schlank, ihre blonden Haare hatte sie zu einem strengen Zopf zusammengebunden. Ich versuchte ihren Blick zu interpretieren, es gelang mir nicht . Mit ruhiger, herziger Stimme sprach sie und sah uns direkt in die Augen. Ihre Sätze kamen mir vor, als wären sie einem Drehbuch entsprungen. Ein dicker Kloß machte sich in meinem Hals breit. Auf meiner Schulter spürte ich die schwitzige Hand meines Freundes, der hinter mir stand und zischend ausatmete. Es dauerte eine Weile bis mein Verstand die Wörter verarbeitete und sinnvoll miteinander verband. Ich war sprachlos. Zwei Tage zuvor hatte ich doch erst mit ihr telefoniert und mich mit ihr verabredet für das Wochenende. Sie war doch gesund. Ende des Jahres hätte sie ihren 50. Geburtstag gefeiert. Ich versuchte ruhig zu bleiben. Meine Fingernägel bohrten sich unkontrolliert in meine Handflächen. «Das kann nicht wahr sein. Das kann einfach nicht wahr sein», wimmernd brach ich in Tränen aus und sank auf meine Knie.

Unser Schluchzen verebbte, wir wurden ruhig, dann fassungslos. Es war einfach unglaublich. Auf dem Weg zu ihr begann Angst meinen Körper zu erfüllen. Panik – es würde mir den Boden unter den Füßen wegreißen sie zu sehen. Zielstrebig führte uns die Ärztin durch die Intensivstation. Fast alle Türen standen offen, erschöpfte Gestalten blickten aus manchen Zimmern. Eine der Türen war geschlossen. Obwohl es unglaublich heiß war, zitterte ich. Als wir das abgedunkelte Zimmer betraten holte ich tief Luft. Durch die Rollläden hindurch zauberte die Sonne ein Streifenmuster ins Zimmer. Auf einem Tisch stand ein kleines, filigranes Holzkreuz. Daneben eine Kerze. Sie flackerte sanft. Mama liebte Kerzen. Das ganze Jahr über erleuchteten kleine Lichter unser komplettes Haus: auf der Terrasse, vor der Haustüre, im Flur. Zögernd traten wir an ihr Bett. Mama trug ein Nachthemd aus dem Krankenhaus. Ihr Gesichtsausdruck war freundlich und entspannt, die Augen geschlossen. Noch einmal atmete ich tief durch, anscheinend hatte die Ärztin recht gehabt. Es sah aus als könnte sie jeden Moment aufwachen. Behutsam drückte mein Vater einen Kuss auf ihre Stirn. Fassungslosigkeit erfüllte den Raum. Leise schluchzend streichelte meine Schwester ihre Hand. Den Ehering hatten sie ihr bereits abgenommen. Verpackt in einer Plastiküte mit ihren restlichen Sachen, lag er auf einem Stuhl neben der Tür. Vorsichtig legte ich meine Hand auf ihre Schulter. Sie war kühl. Dann drückte auch ich ihr einen Kuss auf die Stirn und verabschiedete mich mit einer zarten Umarmung, aus Angst, etwas kaputt zu machen. «Ciao Mama! Ich liebe dich.»

Es ist drei Uhr morgens. Nichts ist wie damals

Wieder knarzt mein Bett als ich mich zur anderen Seite drehe. Allmählich bahnt sich etwas Licht einen Weg durch die Jalousie ins Zimmer. Es sind zwei Jahre vergangen. Mama hatte eine Herzerkrankung und wusste selbst nichts davon. Keine Beschwerden, doch ihr Herz wurde schwächer. Einfach abends eingeschlafen und morgens nicht mehr aufgewacht: Genauso hatte sie es sich immer gewünscht, als in den Nachrichten mal wieder von einem tragischen Unfall oder einer ernsthaften Krankheit berichtet wurde. Papa wurde nachts wach, weil er merkwürdige Geräusche hörte. Mama röchelte, ihre Zunge war ihr in den Rachen gerutscht. Sofort war er hellwach. Seine Erfahrung als Mitglied der Feuerwehr halfen ihm: Haustür auf, Notruf, Mutter auf den Boden, Herzdruckmassage.

Ich rolle mich auf meinen Rücken, falte meine Arme über dem Federbett und starre zur Decke. Sie ist von dunklen Gestalten übersät. Einer der Schatten sieht aus wie ein großes Herz. Ich fühle meine Halskette zwischen meinen Fingerspitzen. Den roten Herzanhänger hat sie mir zu meinem vierzehnten Geburtstag geschenkt. Seitdem hatte ich sie kaum abgelegt. Das Silber fühlt sich kalt an. Manchmal träume ich auch nachts von Mama. Wenn ich morgens aufwache fällt es mir schlagartig wieder ein. Ich schließe meine Augen. Neben mir liegt mein Freund und atmet ruhig und gleichmäßig. Ich versuche mich darauf zu konzentrieren. Eine Weile liege ich noch so da, bis meine Gedanken verebben. Am nächsten Morgen klingelt mein Wecker schrill und ich schrecke hoch. Schnaufend werfe ich die Bettdecke ans Fußende und quäle mich aus dem Bett. Ab ins Badezimmer und Zähne putzen. Beim Blick in den Spiegel erinnere ich mich an die letzte Nacht. Sie schlief viel zu früh ein. Mit der Zahnbürste im Mund stelle ich mich ans Fenster und sehe zuversichtlich lächelnd in den blauen Himmel. Darauf, dass heute ein schöner Tag wird.